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Das blonde Mädchen lag vollkommen tot auf den dreckigen Kacheln des Küchenbodens. Der Kopf war sorgsam abgeknickt, aus dem kaum geöffneten Mund zog sich eine feine Blutspur auf die Fliesen. Die Augen blickten starr an die Decke. Sie war vielleicht achtzehn, neunzehn. Das rechte Bein lag nackt um ein Tischbein gewinkelt, der Rock war hochgeschoben bis über den weißen Slip, und die weiße Bluse, aufgerissen und zerfetzt, bedeckte gerade noch den Büstenhalter. Ein langes Metzgermesser lag mit blutverschmierter Klinge neben der Leiche auf dem Boden. Durch die Küchentür knallte Rock‘n‘Roll. Das Fenster der Durchreiche wurde aufgeschoben.
»Wie weit seid ihr?« Horst Aschert brüllte gegen die dröhnende Musik an. »Gleich fertig«, brüllte ich zurück. »Ein paar Minuten noch.« Die Leiche schlug die Augen auf.»Mir wird hier‘n bisken kalt. Jetzt lieg‘ ich schon drei Stunden auf den blöden Kacheln rum.« »Sei still und beweg dich nicht«, sagte ich. Da war ein kleiner Schatten auf Katjas fahlem Gesicht, der mich störte. Ich drehte den dritten Scheinwerfer, aber der Schatten rutschte nur weiter über ihre rechte Backe. »Lass uns aufhören für heute«, sagte ich zu Katja, »ich krieg‘s nicht mehr hin. Besser, wir gehn ne Runde schwofen.« Katja stand auf, nahm ein Handtuch und wischte sich vorsichtig das künstliche Blut aus dem Mundwinkel. Dann setzte sie sich vor den Spiegel und kämmte sich sorgfältig. Sie war das beste Model, das ich kannte. Vor allem liebte sie unsere Morde, die wir mit der Perfektion kalter Polizeifotos inszenierten. Wir hatten ein paar gute Abnehmer dafür. Zum Beispiel die »Truhe«, diese Discothek am Saalbau, die ein absoluter Renner war. Bis vor ein paar Monaten kochte hier ein gewisser Kelim al Fahd mit märchenhaften Preisen und miesem Essen die oberen Zehntausend ab. Die Barone von Ruhrgas und RWE, von Mannesmann und Ruhrkohle ließen sich trotzdem von ihren Chauffeuren nach den Pflichtkonzerten des Städtischen Orchesters zu Fahd bringen. Selbst der schwarze Mercedes-Benz mit dem Kennzeichen E-RZ 1 parkte hier gelegentlich, was für Kalim al Fahd soviel bedeutete, als wäre Mohammed persönlich erschienen. Aber vom einen auf den anderen Tag war Schluss damit, und Kalim hatte sich nicht gerade wie ein Gentleman verabschiedet. »Prominentenwirt macht Kasse« hieß die Schlagzeile in der NRZ, und die WAZ, das Konkurrenzblatt, knallte noch härter rein: »Araber prellt Essener Lieferanten«.
Der Laden stand leer, und es war ein bisschen teuer, ihn zu mieten: Kalim al Fahd hatte nämlich auch die letzten fünf Monate vergessen, die Pacht zu zahlen. Die wollte der Hausbesitzer nun von den neuen Mietern – fünftausend Mark, worauf die Interessenten reihenweise absprangen, bis einer übrig blieb: Horst Aschert. Woher er das Moos hatte, wusste niemand so richtig, aber Aschert zog die fünf Tausender ohne die leiseste Diskussion aus der Tasche. Drei Wochen später eröffnete der die Truhe. Alles war so wie früher, aber jetzt gehörte der Schuppen uns Kids aus der Vorstadt.
Draußen ging Connie Francis zur Sache – Die Lippenstift-Kiste –‚ und der ganze Laden sang mit. Ich drehte mich um und erwischte Katja gerade noch, wie sie die blonde Perücke abnahm und den Kopf durch einen Rollkragenpullover steckte. Ich riskierte einen langen Blick auf ihre Brüste und wurde fast ohnmächtig. Katja war groß und schlank, aber ihre beiden Herzchen thronten auf ihr wie zwei Wolken, die sich an einem Sommertag an den Himmel verirrt haben. Ich atmete tief durch und seufzte. Katja drehte sich vorsorglich weg. »Warum kuckst du immer wieder hin, wenn du‘s doch nicht verträgst«, fragte sie ironisch. Man müsste sich nur mal näher bekannt machen, seufzte ich in Gedanken, hielt aber vorsichtshalber die Klappe.
Katja war seit Monaten meine heimliche Liebe. Mit ihrem schulterlangen braunen Haar und den hypnotischen grünen Augen konnte sie mich zum Wahnsinn treiben. Aber nichts passierte. Sie mochte mich als Freund und trank ihren Rotwein am liebsten mit mir, während wir stundenlang Play Bach oder Oscar Peterson hörten und den neuen TWEN diskutierten. Katja wohnte in Kray bei ihrer Mutter, und sie lebte zwischen Kerzen und Mobiles aus Muschelplättchen, die im Luftzug leise klirrten. Ein langes Zimmer, ein Schlauch, aber weil sie da war, war es das Paradies. Ich durfte nichts, ausser einem Kuss gelegentlich. Das war schon sensationell und gab wieder Auftrieb für Tage. Ich würde es noch schaffen, redete ich mir dann ein, aber sicher war ich mir keineswegs. »Adieu.« Sie hauchte mir eine Kusshand zu und war verschwunden, wie Feen verschwinden. Ich packte die Kamera ein und stellte die Lampen in einen Besenschrank. Die Küchentür ging auf, Aschert kam rein. »Mann«, sagte er, »ich brauch das Bild. Ihr müsst jetzt endlich mal zu Potte kommen.« Ich sah ihn an, als käme er vom anderen Stern. »Und außerdem ist draußen dein Freund Merka, der sucht dich schon überall.«
Mein Freund Walter Merka war ohne Frage mein bester Freund. Wir wohnten nebeneinander, und als er drei wurde, hab ich ihn zum ersten Mal verprügelt, weil er nicht wollte, dass ich sein Geburtstagsgeschenk wieder mitnahm. Ich zog ihm den Brummkreisel über den Schädel, und das war‘s dann. So jedenfalls erzählte seine Mutter die Geschichte, aber ich glaubte davon kein Wort: Er hatte bis heute nicht den leisesten Kratzer auf der Birne. Immerhin waren wir seither kaum auseinander zu kriegen und hatten jede Menge auf der gemeinsamen Latte. Merka war sechs Wochen jünger als ich und etwas müder, was aber auf manche Braut geradezu elektrisch wirkte. Er war ein guter Aufreißer, und er machte den Job ohne große Anstalten. Ich ging durch die Küchentür raus, und da stand er gleich auch schon, mit diesem finsteren Blick, der ihm den Spitznamen Graf eingebracht hatte. »Hey Macker«, sagte ich, »was liegt an?«
»Hast du Babs gesehen?« Eine klare Frage. Ich hatte nicht, wusste aber Bescheid. Sie war ihm abgehauen. »Seit wann?« fragte ich ihn. Cliff Richard hauchte »Please Dont Tease«. Das auch noch. Er kriegte prompt feuchte Augen und den harten Tonfall und musste schwer schlucken. Es machte ihm wohl echt zu schaffen. »Keine Ahnung. Soll mich doch in Ruhe lassen, diese blöde Ziege. Los, wir suchen sie.«
Wir suchten sie, was nichts weiter bedeutete, als dass der Abend gelaufen war. Rein in irgendwelche Läden, umschauen und ab in den nächsten. »War sie schon da?« Nein. Scheiße. Babs war weg. Sie war eigentlich nicht sonderlich aufregend, aber nett. Achtzehn oder so, glaub ich, und sie wohnte auf der Margaretenhöhe. Das war für einen Burschen vom Stadtwald das Äußerste – weiter konnte man sich nicht erniedrigen. Aber seit sie die Eisbahn in der Grugahalle aufgemacht hatten und Merka und ich bevorzugt dort abräumten, gab‘s auch schon mal Ausrutscher. Elke etwa, diese Knuspermaus, die plötzlich zur Püttmanntochter aus Rotthausen wurde, was das Verhältnis naturgemäß schlagartig beendete.
Genau zur Eisbahn fuhren wir jetzt. Ich schielte auf die Uhr – es war kurz vor sechs und wurde dunkel. In einer Stunde war die Nachmittagslaufzeit vorbei und Merkas große Liebe vielleicht auch. Im Kofferraum klapperten unsere Meyers, die uns die Power gaben: Die wahren Kings der Eisbahn waren wir, wer sonst. Tatsächlich hatten wir auch ein paar Tricks auf den Kufen, die uns einen gewissen Sonderstatus einbrachten. Niemand legte sich besonders gern mit Merka an, jedenfalls nicht auf dem Eis. Schon gar nicht, wenn ich dann auch noch auf der Bahn auftauchte. Von den üblichen Rempeleien waren wir ausgenommen, und wenn er oder ich eine Maus im Blick hatten, ließ der Pöbel lieber die Finger davon – meistens jedenfalls.
Als Merka vor ein paar Wochen auf Babs abfuhr, war es nicht ganz so. Ein langer Typ mit Rolli und Jeans wickelte sich damals um ihre Schultern, und wenn sie Merka auch noch so sehr anhimmelte, war nichts als Ärger angesagt. Ich stand an der Theke, wo Harry, der Hallenwart, für fünfzig Pfennig heiße Fleischbrühe verkaufte, als es losging. In der Kurve hinten rechts lag plötzlich ein kreischender Läufer auf dem Eis, und irgend jemand kam atemlos angerauscht und rief schrill nach einem Krankenwagen. Harry blinzelte mich fragend an. Ich zuckte die Schultern. »Fahr mal hin.« Ich fuhr.
In der Ecke stand der Lange mit Rolli und Jeans und hielt sich heulend den linken Arm. Das Eis war durchaus blutig. Merkas Schnitt, ganz klar. Ich drehte mich um, aber er war weg und die Braut auch. Ich quatschte den Typen an. »Zeig mal her, deinen Arm.« Er jaulte auf. Es war nicht schön, aber auch nicht schlimm. Merka hatte ihm mit seiner scharfen Klinge einen sauberen Schnitt in den Unterarm verpasst, genau so, wie er das monatelang trainiert hatte. Vom hochgezogenen Pulloverärmel bis zum Uhrarmband platschte das Blut, tropf, tropf, in die kleine Pfütze und fror sofort zu Eis.
»Das war dein Kumpel, diese Ratte«, sang der Lange jetzt heulend, und wie er sang, machte mir weiche Knie. »Das gibt solche Rache, ich schwörs, wir machen euch fertich, alle beide, ihr Scheißkerle.« Mir wurde leicht schummerig. Der Typ war aus Düsseldorf, und Merka hatte Krieg angefangen.
Der ewige Fight zwischen Düsseldorf und Essen hatte eine neue Variante, seit vor ein paar Jahren zum ersten Mal in der feinen Essener Grugahalle Eis gefroren war. Vorher musste man zum Schlittschuhlaufen nach Düsseldorf oder sogar nach Krefeld, was ein bisschen weit war. Außerdem hatten die Typen schnell spitz, woher wir kamen, und steckten ihre Reviere gegen uns Kumpel von der Ruhr knallhart ab. Wer danach in der Krefelder Halle eine Braut anzuzünden wagte, konnte genauso gut vor der Tür um Prügel bitten. Seit die Gruga aber eigenes Eis hatte, war die Sache anders. Keine Halle war schöner, und die Essener Bräute hatten Nachholbedarf. Außerdem war natürlich per se Revanche angesagt für die Schmach, die Krefelder und Düsseldorfer uns so lange zugefügt hatten. Als die Düsseldorfer Clique zum erstenmal in Masse auf unserem Eis auftrat, waren wir bereit. Die besten Läufer, die wir zu bieten hatten, lungerten an der Bande rum – scheinbar cool und uninteressiert, in Wahrheit aber warteten sie nur auf das Zeichen, das Kampf signalisierte. Unsere Mädchen turnten derweil grüppchenweise mitten auf der Bahn wie Freiwild rum – und sie waren der Köder. Als sich der erste Düsseldorfer an ein besonders blondes Teilchen ranmachte, es war die schöne Brigitte aus der Ahornstraße, ging der Kampf los. Zwanzig, vielleicht zweiundzwanzig lösten sich wie zufällig von der Bande und holten die Düsseldorfer von den Füßen. Es ging unheimlich fix, aber nicht fix genug. Schließlich waren die Burschen von der Brehmstraße alles andere als Anfänger. Schneller als sie aufs Eis knallten, standen sie wieder. Merka säbelte zwei per Canadier um, und ich hatte gerade zwei andere per Doppelcheck langgelegt, als mir ein schwarzer Schatten von hinten rechts ins Kreuz sprang. Ich knallte längs auf das weißglitzernde Eis, tuppte mit dem Kinn auf, und dann ging das Licht aus.
Ich wurde wach, weil ich entsetzlich husten musste. Merka kniete über mir und beatmete mich mit dem Rauch aus seiner Glimme. Zwischendurch brüllte er mich an. »Schelle, los komm zu dir, is doch alles klar, alles gelaufen.« Ich schob seine Hand mit der Stuyvesant weg und rappelte mich hoch. Merka und Molling schleppten mich zur Bande. »Sie sind weg«, sagte Merka. »Paar Zähne und paar blaue Augen«, grinste Molling, »ich geh aufwischen.« Kaum zu fassen. Wir hatten die Düsseldorfer weggeschossen. Jedenfalls fast. Ein paar kamen immer mal wieder; auch dann noch, als die Grugahalle längst kein Eis mehr machte und die Schlittschuhbahn in eine Blechhalle gegenüber umgezogen war. Aber es herrschte Waffenstillstand. Bis zu jenem Abend, an dem Merka dem Langen aus Düsseldorf das Ding mit der Kufe verpasst hatte. Als ich jetzt den blauen Rekord an der Eisbahn parkte, war ich überhaupt nicht stark. Merka musste das nicht mitkriegen, wenn ich auch ahnte, dass es ihm selbst kaum anders ging. Ohne den Kopf groß zu drehen, linste ich nach Düsseldorfer Kennzeichen. Es war nichts zu sehen. »Glaubst du, das is ne Falle?« fragte der Merka. Ich hatte keine Ahnung. »Los, gehn wir rein.« Merka stieg aus und warf die Tür zu. Ich drückte den Schließkopf am Fenster und schloss die Fahrertür sorgfältig zu. Aus dem Kofferraum holten wir unsere Meyers und gingen zur Halle. An der Kasse stand Harry, der Hallenwart, und blinzelte mich an. »Heut is dein Glückstag. Darfst umsonst rein.« Dann sah er Merka hinter mir. »Du auch, Kleiner, du auch.« Und er kicherte sich einen ab. Wir schoben durch die Sperre und zogen uns auf der nächsten freien Bank die dunkelbraunen Stiefel an. Ich stakste im Spitzentanz über die Holzdielen zur Bande und klärte ab, was lief. Ein Haufen Typen, die ich kannte, und ein paar, die ich nicht kannte. Und links in der Ecke, bloß ein paar Meter weg, ein Rudel, das ich lieber nicht gesehen hätte, aber es war zu spät. Mittendrin stand der Lange und hatte Babs im Arm. Beide grinsten mich kalt an. Ich drehte mich um und wollte Merka warnen, aber sie hatten ihn schon. Zu dritt brachten sie ihn aufs Eis und eskortierten ihn zu dem Langen. »Schelle«, brüllte Merka panisch, aber ich war auch schon erledigt. Zwei Düsseldorfer stellten mich aufs Eis und ließen mich tanzen, ein Spiel, das man nur verlieren kann. Merka hatten sie eingekreist und bearbeiteten ihn von allen Seiten. Babs stand zwei Meter daneben und tat, als ginge sie das alles nichts an. Ich traf ohne Hoffnung mit meiner rechten Kufe ein Schienbein, bevor sie mich zu Boden schickten. Es war aus.
Eine knappe Viertelstunde später wachten wir beim Sani auf. Ein paar Leute standen rum und flüsterten. Merka lag auf einer Bank neben mir und hatte den linken Arm verbunden. »Hübscher kleiner Schnitt«, grinste Harry, der Hallenwart. »Können wir den wieder laufen lassen?« fragte irgendein Typ im Anzug. Harry nickte ihn an. Wir rappelten uns hoch. Ich spürte jeden Knochen und auch welche, die ich gar nicht hatte. Merka war grün im Gesicht, sein rechtes Auge war zugeschwollen. »Fein«, sagte der Typ im Anzug zu uns, »vier Wochen Hallenverbot, und jetzt raus hier.« Wir nahmen die Meyers, die sie uns schon von den Füßen geholt hatten, und krochen aus der Halle. Keiner sagte was. Auf dem Parkplatz stand der blaue Rekord. Er stand tiefer als sonst. Mit letzter Kraft schlich ich um das Auto rum und fühlte blankes Entsetzen. Alle vier Reifen waren platt, die Ventile, sorgfältig abgeschnitten, lagen neben der abgebrochenen Antenne. Gegen das, was mein Alter mit mir veranstalten würde, war ich bis eben auf einem Kindergeburtstag.
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